Überpronationsstützen, Karbonbrücken, Gelpolster - Laufschuhe sind mittlerweile wahre Technikmonster. Wie kommt es aber dann, dass dennoch 70 Prozent aller Läufer einmal jährlich verletzt sind?
Jahrelang wurden wir Läufer und Triathleten beim Laufschuhkauf auf das Laufband gestellt und von hinten begutachtet. Häufige Diagnose: Überpronation! Schwupps kam der passende Schuh mit starker Dämpfungsstütze an den Fuß.
Die Annahme dabei war, dass der Körpers unterstützt und dass vor allem der starke Aufprall der Ferse gedämpft werden müsse. In letzter Zeit allerdings ist es ruhiger geworden um die Pronationsstützen. Warum?
Kein positiver Effekt von Stützen in Laufschuhen
Ganz einfach: Es wurde erstens nie wissenschaftlich erwiesen, dass die Stützen einen positiven Effekt haben. Und zweitens kamen plötzlich Läufer, die auf den "richtigen" gestützten Schuh gewechselt sind, mit Verletzungen daher, die sie mit dem "falschen" ungestützten Schuh nie hatten.
Fest steht: Trotz aller Stützen und Dämpfungen hat sich die Zahl der Verletzungen wie Achillessehnen-Schmerzen, Plantarsehnen-Entzündungen, Hüftschmerzen und so weiter nicht nennenswert verringert - und da dämmerte es den Experten langsam ...
Jüngere wissenschaftliche Untersuchungen konzentrierten sich auf das Thema und kamen zu dem Schluss: Es kann kein positiver Effekt für starke Dämpfung nachgewiesen, wohl wird aber ein negativer vermutet. So hat eine Untersuchung ergeben, dass starke Dämpfung und Pronationsstützen die Drehkräfte auf Gelenke erheblich erhöhen und zwar um über 30 Prozent. Zitat:
"Increased joint torques at the hip, knee, and ankle were observed with running shoes compared with running barefoot." Kerrigan DC, Franz JR, Wilder RP, et al. The Effect of running Shoes on Lower Extremity Joint Torques. PM R. 2009 Dec;1(12):1058-63
Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass man sich mehr dem Barfußlaufen annähern sollte.
Also alles falsch bisher? Und jetzt?
Umdenken beim Laufschuhkauf
Ein Laufschuh mit dicker Sohle: Wie sehr lässt er sich biegen? Kaum. So ein Laufschuh macht die Fußmuskeln faul - und das haben dann auch zahlreiche Sportmediziner und Biomechaniker erkannt. Es änderte sich in den letzten Jahren etwas. Plötzlich kamen Barfußlaufschuhe oder Schuhe mit äußerst flexiblen Sohlen auf den Markt. Zum Beispiel der Nike Free.
Soweit haben sich die Laufschuhe also schon entwickelt.
Aber diese Saison hört man verstärkt noch einen anderen Begriff im Laufschuh-Geschäft. Die "Sprengung".
Was hat es damit auf sich?
Sprengung beim Laufschuh
Sprengung bezeichnet die Differenz zwischen der Dicke der Rückfuß-Sohle und der Dicke der Vorfuß-Sohle eines Schuhs. Je höher die Sprengung, desto höher also der Absatzes hinten.
Einer hohen Sprengung liegt wieder die Vermutung zu Grunde, dass bei Fersenläufern eine starke Dämpfung eingebaut werden sollte, damit Kraftspitzen beim aufsetzen abgefangen werden.
Doch auch hier: Es ist nicht nachgewiesen, dass der Körper mit diesen Kraftspitzen nicht zurecht kommt. Wohl aber zeigt sich wieder, dass die Erhöhung der Ferse den Körper zu einer anderen Haltung zwingt und ihm nichts Gutes tut.
Björn Gustaffson, der sich dem Thema widmet, verdeutlichte das an einem Beispiel: Man solle sich nur einmal ansehen, wie der Körper einer Frau sich verändert, sobald sie Stöckelschuhe anzieht: Brust und Po kommen mehr raus, die Waden konzentrieren sich im oberen Bereich. Sexy - aber weder natürlich, noch für das Laufen gut geeignet.
Zudem verringert die erhöhte Ferse die Spannung der Achillessehne. Diese Energie steht dann nicht mehr beim Abstoßen des Fußes zur Verfügung (Man denke an einen Gummizug...) und verhindert, dass die Sehne an ihren Aufgaben wächst - "Use it or lose it", wie Gustaffson das ausdrückte.
Also geht der Trend dahin, dass auch die Sprengung bei Laufschuhen verringert wird. Saucony etwa spreizt sein Laufschuh-Sortiment auf zwischen null und acht Millimeter Sprengung.
Fazit: Laufschuhhersteller gehen weg von der Dämpfung
Nimmt man all die Empfehlungen der wissenschaftlichen Untersuchungen zusammen, wird das sicher weiter der Trend sein: Immer weniger Dämpfung, immer mehr Aktivität für den Fuß - und die verringerter Sprengung ist dabei ein weiterer Pflasterstein auf diesem Weg.
Was heißt das für uns Athleten?
Björn Gustaffson hat es so in etwa formuliert: Bist Du beschwerdefrei, bleib dabei - also bei dem jetzigen Schuhwerk und Laufstil. Bei andauernden Beschwerden sollte man dagegen einen Schuh- und Laufstilumstellung in Betracht ziehen. Insgesamt sollten sich die Schuhhersteller außerdem langsam von hohen Absätzen und starker Dämpfung verabschieden.
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Jana schrieb am February 17, 2012
Dann hier der Kommentar einer Vorfussläuferin:
Grundsätzlich sehe ich es auch so: hat man keine Beschwerden alles beim Alten lassen.
Ansonsten ist auch bei Vorfußläufern eine zu hohe Sprengung sagen wir mal ungünstig, da der Fuß trotzdem anders aufkommt und dadurch die Kräfte anders abgeleitet werden und die natürliche Stoßdämpfung - der Ballen und das Fußgewölbe - verkümmert. In meinem Fall laufe ich mit Barfußschuhen aufrechter und habe spürbar gemerkt wie der Fuß jetzt anders aufsetzt, die Kraft besser verteilt wird und durch die andere Fußstellung mein Fuß scheinbar 1 Nummer kleiner geworden ist.
Die Achillessehne ist bei allen Normalschuhläufern und -gehern verkürzt, ist irgendwie auch normal, da heute schon Badeschlappen einen kleinen Absatz haben. D.h. jeder der nur zwischen durchmal (ohne wirklich langsame Eingewöhnung) ungedämpfte oder ausgelatschte Schuhe trägt oder barfuß läuft kann mehr oder weniger starke Achillessehenbeschwerden bekommen. Bei abgenutzten gedämpften Schuhen ist die Gefahr von Beschwerden durch ungleiche Stellung oder Bewegung sogar erheblich.
Fazit: das sind meine persönlichen, positiven Erfahrungen - ich habe seitdem ich Barfußschuhe laufe keinerlei Fuß-, Knie- oder Rückenprobleme mehr während ich früher Stammgast bei Orthopäden und Schuhtechnikern war
stephan (Autor) schrieb am February 15, 2012
Hallo,
ich kann jetzt wenig zu Deinem persönlichen Empfinden sagen. Hier ist es einfach so: Was für Dich funktioniert, passt auch.
Beim Thema Vor- und Mittelfuß gilt: Geringere Dämpfung macht den Schuh flexibler und damit können Muskeln und Sehnen mehr Kraft abgeben.
Ein Mittelfußläufer bin ich mittlerweile auch. Wirklich Vorfußläufer kenne ich dagegen keinen. Auch der mit dem Mittelfuß setzt komplett auf. Auch hier gilt dann, dass die Achillessehne ganz gedehnt sein kann. Mir persönlich gibt die geringere Sprengung tatsächlich ein besseres Gefühl.
Bei Vorfuß kann ich die Antwort leider nicht geben. Ist hier jemand richtig Vorfußläufer? Dann bitte sagen und weiterhelfen...
Viele Grüße
Stephan
Nader D schrieb am February 15, 2012
Das alles leuchtet mir ein für Fersenläufer! Aber was ist mit Vorfuß und Mittelfußläufer so wie ich es bin? Da spielt doch die Sprengung nur eine untergeordnete Rolle oder? Ich habe stattdessen was ganz anderes festgestellt, wenn man falsch läuft z.b. nicht ganz gerade aufsetzt oder die Hüfte nicht beiseitig bei jedem Schritt mit nach vorne bewegt richtig oder die Schuhe schon älter als 1500km oder 2000km sind bzw. entsprechend der Älterung durch Lagerung ohne Abnutzung,dann bekomme ich Beschwerden! Beim falschen Laufen in der Achillessehne und bei den Schuhen ohne Dämpfung in den Knien. Sobald ich richtig laufe oder jüngere besser gedämpfte schuhe getragen habe bei dem Laufpensum von 150-200km/Monat gingen die Beschwerden nach einer Weile (Achillesshene das hat 6 Monate gedauert mit weniger Läufe pro Woche! ) oder sofort (Schuhwechsel) weg.


